Automatisch sicher?
Selbstsicherungsautomaten (kurz Automaten, bzw. aus dem Englischen Autobelays) ermöglichen das gesicherte Klettern auch ohne menschliche Sicherungspartner*innen. Diese flexible Form des Kletterns erfreut sich zunehmender Beliebtheit und Verbreitung in Kletteranlagen.
Dabei bleiben leider schwere (auch tödliche) Unfälle nicht aus. In Deutschland und Österreich verstarb seit 2018 im Schnitt eine Person pro Jahr in Folge eines Unfalles beim Klettern an Automaten. 2026 ereigneten sich bis Ende Juli in Deutschland 5 Bodenstürze mit schweren Verletzungen, weil sich "Automatenkletternde" nicht eingehängt hatten: Sie kletterten, ohne mit dem Automaten verbunden zu sein (der z.B. neben ihnen oder hinter ihnen befestigt war). Das Vergessenen des Einhängens ist ebenso unerfahrenen wie auch langjährig erfahrenen Kletternden passiert. Hintergründe werden im Folgenden erläutert.
Zur Einordnung: Heutzutage sind die Automaten an sich so gut wie nie das Problem. Es gibt mittlerweile hohe Sicherheitsanforderungen an Geräte für den speziellen Einsatz im Klettersport (prEN18039:2024). Die Geräte sind regelmäßig durch den Kletteranlagenbetreiber zu inspizieren. Technische Fehler sind sehr unwahrscheinlich.
Das Problem liegt vielmehr beim Faktor Mensch. Dabei haben Kletternde eigentlich einen Schlüssel zur Senkung des Unfallrisikos selbst in der Hand: Den gewissenhaften Selbstcheck vor jedem Losklettern.
Warum ist der Selbstcheck beim Automatenklettern so kritisch? Weil hier anders als beim Klettern in einer Seilschaft (mit dem etablierten Partnercheck) nicht immer ein zusätzliches Paar Augen und Hände gewissenhaft prüft. In künstlichen Kletteranlagen übernehmen im allgemeinen Kletterbetrieb auch keine betreuenden Instruktoren diese Verantwortung.
Kletterhallenbetreiber sind für den Zustand der Automaten verantwortlich, die sie zur Verfügung stellen. Die Kletternden müssen aber in der Lage sein, diese anhand der dazu bereit gestellten Informationen anzuwenden. Die im Klettersport übliche, hohe Eigenverantwortung liegt dem zu Grunde. Nutzer*innen von künstlichen Kletteranlagen bestätigen beim Eintritt durch Anerkennung der jeweiligen Benutzungsordnung, dass sie einschlägige Sicherungstechniken beherrschen und über notwendige Fähigkeiten verfügen.
Sicher Klettern an Automaten
In Ergänzung zu ausführlichen Gebrauchsanleitungen der Gerätehersteller gibt es für das Klettern an Sicherungsautomaten die europaweit vereinheitlichten Hinweise mit Bildern.
Diese Punkte sind zu beachten:
Lege die Einstiegsbarriere ordentlich und gut sichtbar auf den Boden! Sie dient auch als Warnung für andere, Abstand zu halten, sollte aber keine Stolperfalle sein.
Hänge den Karabiner am Ende des Bandes des Automaten vorne in Deinen Anseilring am Gurt ein und überprüfe, dass der Karabinerverschluss vollständig verschlossen ist (wenn zwei Karabiner am Band montiert sind, hänge beide im Anseilring ein und überprüfe beide Verschlüsse).
Ziehe das Band des Automaten testweise nach unten und überprüfe, ob es korrekt eingezogen wird.
Klettere nur in der vorgesehenen Linie unter dem Gerät und weiche nicht seitlich in andere Routen aus (Pendelgefahr). Klettere nicht zu nah an das Gerät oder sogar darüber! Durchhängen des Bandes unbedingt vermeiden! Nur so schnell klettern, wie der Automat einziehen kann.
Beachte stets den zulässigen Gewichtsbereich des jeweiligen Automatenmodelles – Höchstgewicht und Mindestgewicht (um abgelassen werden zu können). Die Information dazu sollte am Einstieg der Kletterrouten zu finden sein.
Oben angekommen: Checke Deine Verbindung zwischen Gurt und Automat! Checke Deinen Fallraum ob andere sind, wohin Du abgelassen wirst, danach kontrolliert "reinsetzen" bis das Band gestrafft wird. Stoße Dich beim Ablassen nicht stark von der Wand ab. Vermeide starkes Pendeln. Schaue Dich weiter um und warne gegebenenfalls andere in Deiner Landezone, zur Seite zu gehen.
Worauf sollten Kletternde an Sicherungsautomaten noch achten?
Nur so schnell klettern, wie das Sicherungsband eingezogen wird – es darf nicht durchhängen, also kein "Schlappseil" entstehen! Zum Klettern auf Geschwindigkeit (Speedklettern) sind besondere Geräte erforderlich, das geht nicht mit jedem Sicherungsautomat. Hinweisschilder dazu vor Ort und an der jeweiligen Kletterroute sind zu beachten.
Wenn das Band während des Kletterns nicht wie vorgesehen eingezogen wird: Ruhe bewahren, nicht höher klettern. Wenn möglich, sich an der Wand mit einer Selbstsicherung (Expresse) an einem Sicherungspunkt sichern und nach Unterstützung rufen. Wenn nicht anders möglich: Abklettern - ruhig und kontrolliert! Der gebremste Ablassvorgang funktioniert ab dem Moment der neuerlichen Bandstraffung.
Kinder nicht unbeaufsichtigt am Automaten „parken“, sondern die Kleinen konsequent aufmerksam betreuen, checken und darauf achten, dass sie – wie die Großen auch – sich nicht am Band befestigt im Kreis drehen oder schaukeln, denn das beeinträchtigt die Sicherungsautomaten.
Bei jeglichen Auffälligkeiten unverzüglich das Hallenpersonal informieren.
Unfälle, Muster und Maßnahmen
Vereinzelt kam es bereits mit den ersten Automaten in Kletteranlagen dazu, dass eine Person vergaß, sich vor dem Losklettern einzuhängen. Mit steigender Verbreitung und Nutzung wiederholt sich dieses Unfallmuster.
Es liegen aufschlussreiche Berichte Betroffener vor - von Überlebenden von Unfällen, bei denen es "nicht eingehängt" zum Bodensturz gekommen ist, wie auch von Beinaheunfällen, in denen noch bemerkt wurde, dass das Einhängen versäumt worden war und es glücklicherweise nicht zu fatalem Unfall gekommen ist (eine Dunkelziffer solcher Fälle ohne Verletzung ist zu vermuten).
Berichtet wird beispielsweise, so im "flow" oder in Gedanken ganz auf die Kletterroute oder auf ein Trainingsziel (z.B. Erschöpfung bei Spitzenathlet*innen) fokussiert gewesen zu sein, dass der Selbstcheck direkt vor dem entscheidenden Losklettern vergessen worden war.
In manchen Fällen wurde nach einer Pause oder unter einer Ablenkung das Klettern wieder aufgenommen und mangels Check unbemerkt nicht eingehängt geklettert - mit der Folge eines Bodensturzes.
Bereits aus wenigen Metern Fallhöhe kann ein Bodensturz tödlich ausgehen; Überlebende sind meist schwer verletzt (multiple Verletzungen oder auch bleibende Schäden).
Vermutlich viele langjährig Kletternde können Erlebnisse berichten, in denen gefährliche Routine, Ermüdung oder Ablenkung zu Nachlässigkeit geführt hat. Das Hauptproblem ist nicht das fehlende Wissen, sondern die menschliche Nachlässigkeit beim Check. Menschen sind Gewohnheitstiere – manchmal hilft das, manchmal ist das tückisch. Wenn etwas oft gemacht wird, lässt die Aufmerksamkeit nach. Dieser Aspekt von Routine ist gefährlich.
Eine Maßnahme zur Gefahrenabwehr ist daher der Fokus auf den Check vor jedem Losklettern: Partnercheck beim Klettern in Seilschaft und Selbstcheck beim Automatenklettern vor jedem Losklettern kosten wenig Zeit und können Leben retten.
DAV-Tipp: Mache ein Check-Ritual für Dich aus! Zum Beispiel nach der Methode "point and call": Nicht nur flüchtig schauen, sondern antippen und aussprechen, was Du checkst!
Vorbildlich - Netiquette leben und Checker*in sein!
Automatenklettern ist eine Entwicklung, über die sich viele Kletternde freuen. Manchmal so viele, dass Warteschlangen entstehen. Dann ist guter Stil nicht nur beim Klettern gefragt. Kletterhallen geben unterschiedlich konkrete Hinweise, wie es fair zugehen kann – damit alle an die Wand kommen.
Rücksicht nehmen, aufeinander schauen und auch mal anteilnehmend auf den Check der Nachbar*innen achten fördert die allgemeine Sicherheitskultur. Alle Kletternden können nicht nur durch hard moves, sondern auch durch soft skills glänzen - und im Klettersport als Vorbild dienen, indem sie den Selbstcheck stets gewissenhaft durchführen.