Eine Person klettert an einer steilen Felswand, im Hintergrund bewaldete Hügel und herbstlich gefärbte Bäume.
Das Bergsteigen im Elbsandsteingebirge (hier am Vorderen Hirschgrundturm) zählt seit 2024 zum Immateriellen Kulturerbe. Foto: Michael Scharnweber
Wohnortnaher Bergsport

Alles außer Alpen

Feierabendtour, Kletterhalle, Mountainbiken im Bikepark – wer mag, kann sich heute direkt vor der Haustür ins Bergabenteuer (im weitesten Sinne) stürzen. Dass das keine neue Entwicklung ist, zeigt ein Blick in die Geschichte des Alpenvereins. Bei seiner Gründung 1869 liegt der Fokus zwar auf der Erkundung und Erschließung des Hochgebirges, doch von Anfang an praktizieren seine Mitglieder Bergsport auch außerhalb der Alpen. Was bis heute positive Folgen hat: Die Verteilung entlastet Hotspots – Win-win für Mensch und Natur –, verhältnismäßig kurze Anreisen tragen dazu bei, unser Klima zu schützen.

In der Sächsischen Schweiz zum Beispiel wird bereits 1864 der Falkenstein von einer Turnergruppe bestiegen, zehn Jahre darauf wird der Mönch ohne technische Hilfsmittel erstbestiegen. Aus diesem freien Kletterstil sind die Sächsischen Kletterregeln entstanden, die bis heute konsequent angewendet werden und die Entwicklung des Sports maßgeblich mitprägten. Bereits in dieser Zeit gründen sich dort so genannte Klubs, die zu einer typischen Organisationsform sächsischer Bergsteiger*innen werden sollten. Bei der Gründung des Alpenvereins ist dann direkt das alpenferne Leipzig dabei; Berlin folgt kurze Zeit später mit kreativen Ideen, um sich die Alpen „nach Hause zu holen“: Alpenbälle und eine Schuhplattl-Gruppe halten die Mitglieder bei Laune.

Generell liegt das Interesse vorerst aber weniger an wohnortnahen Angeboten, sondern vielmehr an der Erschließung des Hochgebirges – häufig getragen von wissenschaftlichem Interesse und Entdeckungsdrang. Parallel zu vordergründigen Zielen, wie Infrastruktur zu schaffen, Wege zu sichern und Hütten zu bauen, entwickelt sich schon früh das Vortragswesen in den Sektionen – als eines der ersten Angebote für Mitglieder fern der Alpen schafft es wenigstens einen geistigen Zugang zum Gebirge. Dennoch bleibt Bergsport nicht auf die Ferne beschränkt: Gewandert wird schon immer auch vor der eigenen Haustür, zunächst oft in Form gemeinschaftlicher Ausflüge. Um 1900 gewinnt das Training für „den richtigen Berg“ an Bedeutung: Gymnastik, Klettern, Schwimmen oder Leichtathletik halten Einzug ins Vereinsleben. Auch neue Disziplinen entstehen – etwa Faltbootabteilungen in den 1920er Jahren, die Flüsse und Bäche vor Ort nutzen. In manchen Sektionen wie Freising, Neustadt oder Hildesheim wird in Kanugruppen bis heute gepaddelt.

Mikroabenteuer lassen sich meist ohne großen Aufwand direkt von der Haustür aus starten. Illustration: Marmota Maps/Lana Bragin

Selbstzweck? Oder Training für den richtigen Berg?

Schon in der Zwischenkriegszeit experimentieren Sektionen mit künstlichen Trainingsmöglichkeiten. Die Frage, ob Angebote vor Ort Selbstzweck sein dürfen – oder nur als Vorbereitung für den alpinen Raum gelten, ist im Alpenverein lange umstritten. Erst spät, insbesondere ab den 1980er Jahren, setzt sich ein offeneres Verständnis durch, in dem sportliche Motivation gleichberechtigt neben Erlebnis- und Naturaspekten steht. Dieser Wandel zeigt sich auch darin, dass Sportarten wie Sportklettern, Bouldern oder Mountainbiken eigenständig werden – statt nur als Training oder Transportmittel zu dienen. Kletterzentren oder auch eine MTB-Infrastruktur, die viele Sektionen mit großem, auch ehrenamtlichem Engagement aufbauen und betreiben, bieten heute ein vielseitiges breitensportliches Angebot mehr oder weniger vor der Haustür.

Gerade in DDR-Zeiten suchen sich die Menschen neue Möglichkeiten – der organisierte Alpenverein bleibt bis 1990 untersagt; einfach in die Alpen zu reisen, ist nicht möglich. Die Szene hält sich trotzdem – mit großer Eigeninitiative. Geklettert wird weiterhin, trainiert wird vor Ort: in Mittelgebirgen, an Felsen – und zunehmend auch an künstlichen Anlagen. Bereits in den 1970er Jahren entstehen erste einfache Kletterstrukturen aus Beton. Eine der ersten Kletterhallen Deutschlands ist ein frühes Beispiel nachhaltiger Umnutzung: Im Oberallgäu wird aus einer alten Papierfabrik die bis heute bestehende Kletterhalle Seltmans.

Selbst alpennah in München zeigen Angebote wie die Riesige Rosi, wie Bergsport eigenständig wird und sich in den urbanen Raum verlagert. Foto: Kraxlkollektiv

Auch Umfragen zeigen deutlich: Bergsport und Berggemeinschaft finden längst nicht mehr nur in den Alpen statt – sondern überall dort, wo Mitglieder unterwegs sind. Und so bieten viele Sektionen neben Bikeparks, Kletterhallen und gemeinsamen Touren in der näheren Umgebung auch Yoga-, Natur-, Kultur- und Fotogruppen an. Selbst in alpennahen Städten wie München oder Augsburg beginnt der Bergsport für viele zu Hause: als Feierabendtour, als Mikroabenteuer oder als niederschwelliger Einstieg.

Die Gemeinschaft bleibt zentrales Motiv für die Mitgliedschaft im Alpenverein. Rund dreißig Prozent der Mitglieder nennen sie als Hauptgrund – ebenso viele schätzen das Angebot der Kletteranlagen. Aktuelle Umfragezahlen zeigen zudem eine deutliche Verschiebung hin zu lokalen und niedrigschwelligen Sportformen. Die alpenfernen Angebote sind damit schon lange nicht mehr Mittel zum Zweck – sondern für viele der Schlüssel zum Bergsport und zur DAV-Gemeinschaft!