Kammtrails am Hahnenkamm in Baden Württemberg
Die Kammtrails bei Aschaffenburg verbinden die umliegenden Ortschaften in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Foto: Manuel Börner/DAV Aschaffenburg
Mountainbiken zwischen Alltag und Abenteuer

Wo der Feierabend zum Flow wird

Ein bewaldeter Höhenzug im Spessart, eine ehemalige Bergbau-Halde im Ruhrgebiet, ein zugewucherter Wanderweg nahe dem sächsischen Zittau oder ein Wäldchen im Ballungsraum Ulm. Orte, die zeigen: Mountainbiken findet nicht nur in den hohen Bergen statt. Es ist genauso alltägliches Sportprogramm in der direkten Umgebung. Möglich machen dies – in ganz Deutschland – auch DAV-Sektionen.

Vier Wege, ein Gedanke

Die Ausgangslagen sind unterschiedlich. Am Hahnenkamm bei Aschaffenburg wuchs der Druck durch immer mehr inoffizielle Trails. Die Lösung: ein genehmigtes, qualitativ hochwertiges Netz, entwickelt gemeinsam mit Behörden, Forst und Nutzenden. „Uns war klar, dass die offiziellen Trails mindestens genauso gut sein müssen wie die illegalen“, beschreibt Christoph Seiwert von der Sektion Aschaffenburg die Herausforderung. Damit das so bleibt, wird jeder Trail von ein bis zwei Trailpat*innen und einem fixen Team betreut. Sie machen einmal im Monat eine dokumentierte Begehung und prüfen nach Unwettern auf Schäden am Trail und am Baumbestand. Einmal jährlich kommen Mitarbeitende des Forsts dazu, um die Vegetation genauer zu begutachten und gegebenenfalls nötige Maßnahmen zu ergreifen. Während der Schließzeiten im Winter kümmert sich das Team um Reparaturen und Neubauten. 

Heute führen mehrere Strecken durch das Gebiet am Hahnenkamm, modular kombinierbar, für alle Fahrlevels ist etwas dabei.

Wir haben uns bewusst gegen eine Rundstrecke und für ein modulares Trailnetz entschieden. So kann man sich die Lieblingsrunde selbst aussuchen. Fährt man alle Trails hat man circa zweitausend Höhenmeter auf der Uhr.
- Christoph Seiwert

Und sie werden begeistert angenommen: 2025 wurden circa 28.000 Fahrten auf den Trails gezählt. „Unsere MTB-Kurse und -Touren finden mittlerweile zu neunzig Prozent in Bikeparks und umliegenden Mittelgebirgen statt. Viele Mitglieder fahren lieber mit auf ein verlängertes Wochenende, statt die weite Anreise in die Alpen in Kauf zu nehmen“, fasst Christoph einen weiteren positiven Aspekt des wachsenden MTB-Angebots vor Ort zusammen.

Seit 2015 können MTB-Fans sich auf den Trails im Landschaftspark Hoheward austoben. Foto: TwoSummits

Ganz anders die Ausgangslage in Nordrhein-Westfalen: Hier werden künstlich entstandene Hügel aus dem Bergbau zum Biken genutzt. Insgesamt elf Kilometer und 270 Höhenmeter lassen sich auf den Trails im Landschaftspark Hoheward überwinden. „Ich nutze die Halde auch als Übungsgelände für meinen MTB-Grundkurs, genauso wie die benachbarten Sektionen Duisburg oder Dortmund. Viele erreichen die Halden direkt mit dem Fahrrad“, erzählt Achim Beerhorst von der Sektion Recklinghausen. „Eine Besonderheit ist sicher, dass die Haldentrails in einer künstlich geschaffenen Landschaft entstanden sind und es so wenig Konfliktpotenzial mit dem Naturschutz gibt.“

In Zittau werden ungenutzte Wanderwege mit viel ehrenamtlichem Engagement in naturnahe Trails umgebaut. Foto: Andreas Kittel

Im Zittauer Gebirge wiederum steht ein anderer Gedanke im Vordergrund: Konflikte zwischen den verschiedenen Nutzungsgruppen vermeiden, bevor sie entstehen. Denn auch hier wurde das Mountainbiken immer beliebter. Als Andreas Kittel von der Sektion Zittau auf einer Tour am Sonneberg zufällig einen zugewucherten Wanderweg entdeckt, hat er eine Idee: „Warum nicht nutzen, was bereits vorhanden ist?“ Und so wurde aus der Idee ein Pilotprojekt, das den vorhandenen, nicht mehr genutzten Weg zu einem möglichst naturnahen MTB-Trail umgestaltet: „2024 haben wir mit dem Bau des Haseltrails begonnen, ein Jahr später wurden weitere Abschnitte realisiert. Inzwischen sind zwei weitere Trails vom Forst begutachtet und genehmigt.“ Besucherlenkung durch attraktive Angebote statt Verbote heißt es seitdem in Sachsen.

Bike-Spaß für Groß und Klein gibt's dank dem Engagement der Sektion im Zittauer Gebirge. Foto: Philipp Herfort Photography

Mountainbiken in der Nähe

Viele weitere DAV-Sektionen und andere Initiativen engagieren sich im Trailbau. Neben alpenvereinaktiv.com bietet trailradar.org eine Community-getriebene, interaktive Karte mit MTB-Strecken in Deutschland und seinen Nachbarländern, die offiziell genehmigt sind. Unsere Sammlung beschreibt die schönsten Trails.

Und in Ulm zeigt sich, wie konsequent Infrastruktur aufgebaut werden kann: Flowline, Downhill-Strecke, Pumptrack, später weitere Trails. „Die Herausforderungen lagen wie so oft in den Genehmigungsverfahren und der Kommunikation mit den Behörden. Doch die beiden DAV-Sektionen Ulm und SSV Ulm 1846 haben sich zusammengetan und waren von Beginn an verlässliche Partner. Zuletzt haben wir im Mai 2026 die Klingenstein Trails eröffnet“, berichtet Joshua Haschke stolz. Er hat das Projekt hauptverantwortlich begleitet und kümmert sich als Trailpate auch weiterhin um die Instandhaltung der Strecken. „Die Resonanz ist nach wie vor gut, vor allem der Pumptrack ist bei Familien sehr beliebt. An Wochenenden und Feiertagen sind schon mal bis zu hundert Leute anwesend. Auch viele, die vorbeikommen, sind positiv überrascht, wie viele junge Menschen hier draußen unterwegs sind.“ Das stadtnahe Angebot sorgt dafür, dass viele das Auto stehen lassen und direkt per Rad anreisen – auch wenn es nicht die ganz großen Abfahrten wie in den Alpen gibt, ist doch für alle was dabei.

In Ulm erfüllt ein breites Angebot stadtnah fast jeden MTB-Wunsch; hier die Klingenstein Trails. Foto: Stefan Eigner

Gemeinschaft statt Einzelprojekt

So verschieden die Projekte sind, eines haben sie gemeinsam: Ohne Zusammenarbeit funktionieren sie nicht. Kommunen, Forstbetriebe, Naturschutz, Vereine und engagierte Einzelpersonen – sie alle sind Teil der Entwicklung. Genauso wichtig ist die Basis: Ehrenamtliche sind die tragende Säule im Alpenverein und auch hier das Rückgrat, das Mountainbiken alltäglicher, spontaner und näher macht. Und wo ehrenamtliches Engagement alleine nicht reicht, unterstützt der Bundesverband MTB-Angebote der Sektionen seit 2025 auch mit einer Förderung. Die Feierabendrunde ersetzt den Wochenendtrip, das Trainingsgelände nebenan bereitet auf den Alpencross vor. Was die Projekte auch zeigen: Nicht jede Region braucht spektakuläre Gebirgspanoramen oder viele Höhenmeter an einem Stück – oft reicht es, kreativ zu sein und den eigenen Raum neu zu denken.

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