Blick auf Edersee durch Eichen
Die Ufer von Hessens Edersee sind ein Wanderparadies. Foto: Klaus Gräbe
Sektionstour um den hessischen Edersee

Mit Zelt und Kocher durch den Urwald

„Das alles zu tragen, ist mir zu anstrengend! Zelten kann man fast überall! Draußen kochen macht Spaß!“: Etwas Wahres steckt in jedem dieser Sätze – aber eben nur etwas. Gelegenheit für einen Realitäts-Check hatte eine achtköpfige Gruppe der Sektion Kassel auf der Mehrtagestour rund um den Edersee.

Bei der Vorbesprechung zur Unternehmung geht es zunächst darum, wem Ausrüstung fehlt und wer etwas verleihen kann, um einen Kaufrausch vor der Tour zu vermeiden. Nächster Punkt: Ideen und Erfahrungen für das abendliche Draußen-Kochen zusammenwerfen. Daraus entstehen drei „Kochgruppen“ mit je zwei Gerichten; die Geschmacksvielfalt ist gewährleistet und die Vorfreude steigt. Zwei Tage vor dem Start schauen wir mit Spannung auf die Wettervorhersage. Wir gehen von geringen Regenmengen bei kühlen Temperaturen und wenig Sonnenschein aus. Beste Bedingungen also für vielfältige Erlebnisse und Erfahrungen.

Mit Bahn und Bus geht es am Himmelfahrtstag komfortabel von Kassel zum etwa fünfzig Kilometer entfernten Edersee. Der Stausee wurde 1914 in Betrieb genommen, um durch Wasserkraft den damals schon rasant steigenden Strombedarf zumindest teilweise zu decken und den Wasserpegel für die Schifffahrt auf der Weser zu regulieren. Neben dieser ursprünglichen Bedeutung hat sich an einigen Uferabschnitten eine touristische Infrastruktur entwickelt, die der Naherholung dient, aber auch Reisende von nah und fern anzieht. Der 2004 gegründete Nationalpark Kellerwald-Edersee schützt die Umgebung des Sees vor weiteren Eingriffen durch Menschen und ermöglicht so, dass innerhalb seiner Grenzen langfristig wieder ein „Urwald“ entstehen kann. Gleichzeitig bieten ausgewiesene Wege die Möglichkeit, die Eigenheiten dieser Mittelgebirgslandschaft und des Nationalparks zu erleben.

Gut markiert: der Urwaldsteig. Foto: Klaus Gräbe

Auf dem Urwaldsteig, aufgeteilt in drei Etappen, wollen wir den Edersee umrunden. Unsere Gruppe besteht aus acht wandererprobten und -begeisterten Mitgliedern des DAV Kassel. Ob wir auch mit dem zusätzlichen Gepäck fürs Kochen und Übernachten „Strecke und Höhenmeter machen“ können? Und ob wir danach an den Abenden noch freudig in der Lage sein werden, die Zelte aufzubauen und das Abendessen zuzubereiten? Zwei von uns haben schon gute Erfahrungen mit dieser Art des Wanderns auf einer Alpentour von Ost (Triest) nach West (Menton) durch den slowenisch-italienisch-französischen Alpenbogen gesammelt und können diese entsprechend weitergeben. Auf unserer Wanderung wollen wir vor allem tiefer eintauchen in die Eigenheiten dieser allmählich wieder wild werdenden Waldlandschaft. Das Gemeinschaftserlebnis wird dabei auch nicht zu kurz kommen, immerhin werden wir zwei Nächte und drei Tage miteinander verbringen und dabei einige Eigenheiten unserer Mitwandernden kennenlernen. Gleich nach dem Start in Hemfurth geht es für Mittelgebirgsverhältnisse steil hinauf in den großflächigen, naturnahen Buchenwald über dem Südufer des Sees. Seit 2011 gehört er zur Welterbestätte „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“. Uralte Baumriesen stehen (oder liegen) hier neben aufstrebenden Jungbuchen, von denen nur wenige an einer lichten Stelle im Kronendach Platz für ihr Wachstum finden werden.

Das gehört in einem Urwald dazu: Umgestürzte Bäume werden größtenteils einfach liegengelassen. Foto: Klaus Gräbe

Auf schmalen Pfaden geht es häufig über Stämme und Äste. Hier wird nur dann freigeschnitten oder eine Umgehung angelegt, wenn die Hindernisse nicht mehr überwindbar sind. Eine Verkehrssicherheit wie in anderen Wäldern ist nicht gewährleistet. Eine erste Pause legen wir am „Sauermilchplatz“ ein, um Kleidung anzupassen, Rucksäcke zurecht zu ruckeln und etwas zu trinken. Danach laufen wir still auf weichem Grund mit moderater Steigung durch einen scheinbar endlosen Rotbuchenwald. Hier haben Bäume anderer Gattung nur selten eine Chance, sich zu entwickeln. Mit unseren laienhaften Kenntnissen über die Eigenart von Urwäldern laufen wir an markanten, urwüchsigen Waldbeständen wie Ochsenwurzelkopf, Daudenberg und Ringelsberg vorbei; wir müssen wohl nochmal und dann mit einem anderen Fokus hier entlanglaufen, um dieses Naturwunderwerk ganz bewusst wahrzunehmen.

Durch das ständige Ab- und Aufsteigen an den steilen Flanken der Seitentäler kommen Höhenmeter auf den Tacho. Die Hüftgurte der Rucksäcke werden enger gezurrt, um Gewicht von den Schultern zu nehmen. Ein schwer auffindbarer, verwilderter Abzweig bringt uns zum familienfreundlichen Ferienzentrum Albert Schweitzer. Dort sind die kleinen Zelte flott aufgebaut.

Zelte stehen, alle happy! Foto: Klaus Gräbe

Der Hunger treibt uns an, das Abendessen zuzubereiten. Es gibt warmen Couscous-Salat, angereichert mit Minzblättern, Steinpilzrisotto mit reduziertem Weißwein und Gemüsenudeln mit „dosiertem“ Thunfisch. Das gemeinschaftliche Tun funktioniert automatisch und ohne Plan, aber nicht planlos. Prima!

In der Dämmerung und des Nachts schützen wir unsere Vorräte vor Mitlebewesen, den Waschbären, die erst seit 1934 hier beheimatet sind und deren Population seitdem immens zugenommen hat. Alles muss halbwegs geruchssicher verschlossen in den Rucksäcken verstaut werden. Die Dreistigkeit dieser Tiere bei der Nahrungsbeschaffung ähnelt stark der unserer Gattung. Der Abend bietet noch ein besonderes Schmankerl: Beim Sonnenuntergang mit Aussicht auf den See kommt eine faszinierende und still machende Stimmung auf, die das Gemeinschaftsgefühl noch einmal spürbar stärkt. Tipp: Im Herbst, meist Ende Oktober, kann man hier den leuchtend gelb-orange-roten Blätterwald bewundern.

Aussichtsbank am Edersee. Foto: Klaus Gräbe

Am nächsten Morgen sind die Rucksäcke schon um ein Abendessen leichter und auch am Trinkwasser wird gespart, da wir auf halber Strecke unsere Flaschen auffüllen können. Wieder tauchen wir in den uralten Buchenwald ein, der sich über Jahrhunderte immer wieder selbst erneuert, insbesondere wenn Menschenhände nicht eingreifen.

Der Aussichtspunkt Hagenstein bietet einen Blick hinauf ins obere Edertal, wo sich im Rothaargebirge das unscheinbare Eder-Quellgebiet befindet. In der Ferne sind Fichtenplantagen zu erkennen, welche die immer trockener und wärmer werdenden Sommer nur schlecht vertragen. Übrig bleiben dürre Stämmchen, die wie ausgefranste Zahnstocher in der Landschaft stehen. Der Buchenwald im Nationalpark dagegen kann den Wassermangel noch abfedern.

Knapp dringt der Sonnenschein durchs Blätterdach – hier wärmen sich einige Blindschleichen auf und verschwinden nach dem Fototermin zum eigenen Schutz wieder im Seitengras. An der Nordseite des Edersees angekommen, folgen wir dem Urwaldsteig durch Tonschiefer- und Grauwackensteilhänge. Die möglichen Aussichtspunkte häufen sich und laden zur Rast ein. Leider lassen Kilo- und Höhenmeter weniger Pausen zu als gewünscht. Hier heißt es, sich an Individual- als auch Gruppenbedürfnisse anzupassen.

Das heutige Ziel, den Campingplatz des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV), erreichen wir erst am Abend. Die Zeltstellflächen für uns sind bereits reserviert, eine Einlassstelle für Kanus und Kajaks lädt zu einer erfrischenden Schwimmrunde ein. Wir nutzen zum Kochen die vorhandene Selbstversorgungsküche. Mit genussreichem Ausblick auf den See und bei guten Gesprächen lassen wir es uns anschließend schmecken.

Campingplatz mit Badesteg, was will man mehr! Foto: Klaus Gräbe

Zu später Stunde besucht uns noch ein stattliches Exemplar eines Hirschkäfers – seine Larve fühlt sich besonders in Totholzbeständen von Laubwäldern wohl. Nach einer für fast alle erholsamen Zeltnacht führt der Weg weiter entlang des Nordufers und vorbei an wundersamen knorrigen Traubeneichen und skurril wachsenden, kleinwüchsigen Buchen. Ursache hierfür ist hauptsächlich der chronische Wassermangel, der durch die wasserdurchlässigen, steilen Hänge entsteht und eine fast mediterrane Atmosphäre schafft. Hier sind die Bäume schon seit Jahrhunderten vor dem menschlichen Holzeinschlag sicher – auch weil die Wuchsform „unwirtschaftlich“ für die Holzverarbeitung ist.

Es ist bereits der letzte Tag unserer Tour. Schade, denn wir haben uns gerade auf Gewicht und Gemeinschaft eingestimmt. Das dichte Blätterwerk lässt zu dieser Jahreszeit nur manchmal einen Blick auf den Edersee zu, der hier durch die Landschaft mäandert. An diversen Aussichtspunkten wie Hexenkopf, Herrmanns Höhe, Kanzel und Klippen können wir nochmal auf die hinter uns liegende Strecke zurückblicken. Zurück am Ausgangspunkt in Hemfurth sind wir um einige Kilometer, Höhenmeter, Erlebnisse und Erfahrungen reicher. Das Wetter war trockener und sonniger als angekündigt. Gut für uns, auch wenn die Natur hier jeden Tropfen brauchen kann. Mit „großem Gepäck“ zu wandern, ist bei fast allen gut angekommen, obwohl am Anfang die Sorge vor zu schwerer Last aufkam. Fazit: So manches Ausrüstungsteil kann weggelassen oder durch ein leichteres ersetzt werden. Ob alle aus der Gruppe ihr Repertoire um diese Art des Wanderns erweitern werden, „wärd sich ußwiesen“, wie man in Nordhessen sagt.